UPDATE: 23. November 2012

Diesmal mit verramschten Tageszeitungen, dem deutschen „Vorzeigeblatt“, Qualitätsjournalismus mit Lücken und Tipps für Nachwuchs-Medienmacher.

Schluss, aus, vorbei: Die „Financial Times Deutschland“ wird eingestellt. Die letzte Ausgabe der Finanz- und Wirtschaftszeitung soll am 7. Dezember erscheinen, das gab am Freitag der Großverlag Gruner+Jahr in Hamburg bekannt. Mehr als 300 Mitarbeiter werden dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren. Nach dem ebenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit bevorstehenden Ende der „Frankfurter Rundschau“ wird es künftig in Deutschland nur noch fünf überregionale Tageszeitungen geben, die die Bezeichnung „Qualitätszeitung“ verdienen.

Die Zeitungskrise ist kein amerikanisches Phänomen

Noch vor wenigen Jahren wollten uns deutsche Verlagsmanager einreden, dass der Niedergang der Printmedien in den USA nicht so ohne weiteres auf die hiesigen Verhältnisse zu übertragen sei.  Das war und ist ziemlicher „Bullshit“. Inzwischen hat es deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenmacher mindestens genauso heftig erwischt, wie die Kollegen in den Vereinigten Staaten. Dabei sind die Kennzeichen auf beiden Seiten des Atlantiks dieselben:

  • Einbrüche bei den Anzeigenerlösen: Von 2008 bis 2011 ging der Nettoanzeigenumsatz bei deutschen Tageszeitungen um fast 19 Prozent zurück (Quelle: ZAW – Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft).
  • Sinkende Verkaufszahlen: Die vermeintlich verkaufte Auflage der Tageszeitungen sank in Deutschland zwischen 2008 und 2011 um rund 6 Prozent (Quelle: BDZV – Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und IVW).

Solche statistischen Werte, die vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) bzw. vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) stammen, geben das tatsächliche Ausmaß bei den rückläufigen Erlösen der Printmedien allerdings nur unzureichend wider. Bei den Anzeigenerlösen werden Gegengeschäfte mitgerechnet; d.h., Medien schalten gegenseitig Anzeigen bzw. Werbespots, ohne dass dabei tatsächlich Einnahmen erzielt werden.

Schöngerechnete Zeitungsverkäufe

Noch gravierender werden Verkäufe schöngerechnet. In den von der IVW veröffentlichten Verkaufszahlen für Zeitungen und Zeitschriften sind neben Abonnements und Einzelverkäufen auch so genannte „Bordverkäufe“ und „sonstige Verkäufe“ enthalten, mit denen Verlage entweder keine oder nur geringe Erlöse erzielen. Solche Exemplare werden in Flugzeugen verteilt bzw. auf Messen, Kongressen oder in Hotels kostenlos ausgelegt. Wie die Analyse der Vertriebswege der „Financial Times Deutschland“ zeigt, hatten die „weichen Verkäufe“ im 3. Quartal 2012 immerhin einen Anteil von 56 Prozent. Anders ausgedrückt: Von der Gesamtauflage in Höhe von gut 102.000 Exemplaren wurden mehr als 57.000 geradezu verschenkt.

Auch in dieser Hinsicht nähert sich der Printmarkt in Deutschland us-amerikanischen Verhältnissen. Vor gut einem Jahr habe ich meine Beobachtungen über die Zeitungskrise in den USA in einem Beitrag für „ZEIT-Online“ geschildert. In den Vereinigten Staaten – so scheint es – sind Zeitungen heute weniger Wert, als kalter Kaffee bei Starbucks.

Das deutsche „Vorzeigeblatt“

Zum Glück hat die Krise der Printmedien in Deutschland noch nicht alle Verlage und ihre Printprodukte erfasst. Die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ gilt längst als deutsches „Vorzeigeblatt“ auf dem Printmarkt. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo äußerte sich bereits vor Jahren in der „Süddeutschen Zeitung“ zum Erfolgskonzept seines Blattes:

“Die Zeit folgt dem Grundsatz, sich Moden und Mätzchen zu widersetzen. Im Zweifelsfall heißt das: Lieber Zeit für Geist als Zeitgeist. Das heißt nicht, dass wir uns nicht verändert hätten – wir haben uns dramatisch verändert. Aber der Spagat zwischen Tradition und Neuerung ist ganz gut gelungen.”

Das Konzept geht bislang auch wirtschaftlich auf: Von der verkauften Auflage, die seit Jahren konstant bei 500.000 Exemplaren liegt, wurden ausweislich der IVW-Daten für das 3. Quartal 2012 lediglich gut 10 Prozent als „Bordexemplare“ und „Sonstige Verkäufe“ verramscht. Einbrüche bei den Anzeigen sind bislang nicht erkennbar.

Der falsche Die(c)kmann

In dieser Woche beschäftigt sich „DIE ZEIT“ schwerpunktmäßig unter dem verheißungsvollen Titel „Wie guter Journalismus überleben kann“ mit der eigenen Zunft. Umfassende Antworten auf diese schwerwiegende Frage sind erwartungsgemäß nicht zu finden. Dafür gibt’s einigen Spott von bekannten Journalisten, die nicht um ihre Expertise für diese Titelgeschichte gebeten wurden. Medienjournalist Stefan Niggemeier kommt in seinem Blog zu dem Schluss „Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verklärende Flucht ins Pathos unter dem Sinnbild des süßen gephotoshoppten Hundes heute depressiver gemacht als alle aktuellen Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.“ Kollege Thomas Mrazek lästert bei „Facebook“: „Wie guter Journalismus funktionieren kann? Meine Antwort an die Fragesteller lautet ganz banal: Beispielsweise Namen und Altersangaben besser checken …“. Tatsächlich hatten „DIE ZEIT“-Leute „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann nicht nur falsch geschrieben, sondern auch noch dessen Alter mit 47 statt 48 falsch angegeben.

Tipps der Woche
  • Mit der Situation der Stadtmagazine beschäftigt sich Fabian Warzecha in einem lesenswerten Hintergrundbeitrag bei medienMITTWEIDA.
  • Daten zur Mediennutzung in Deutschland gibt’s bei STATISTA. Die Infografik stammt zwar schon aus dem August dieses Jahres, bietet allerdings eine kompakte und nützliche Übersicht für angehende Medienmacher.
  • Fundierte Informationen zu den Bereichen Public Relations und Social Media gibt’s beim PR-Doktor. Die Betreiberin des Blogs ist einigen Mittweidaer Medienstudenten bereits bekannt: Kerstin Hoffmann trug mit ihrem Workshop zum Erfolg des Medienforums 2012 bei.

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