Verpasste Chance
23.06.2009
Kommentar von Richard Kästner zu den Studentendemonstrationen
Zehntausende Studenten gehen dieser Tage auf die Straße, um gegen das lahmende Bildungssystem zu protestieren. Störrische Professoren und zaudernde Politiker tragen Mitschuld an der Misere.
Es war ein dringend nötiger Weckruf für die Politik, als diese Woche fast überall in Deutschland Studenten für ein besseres Bildungssystem demonstrierten. Überfüllte Hörsäle, planlose Professoren, unausgegorene Lehrpläne: Die Versäumnisse bei der Umstellung auf Bachelor und Master sind neben den Studiengebühren einer der Hauptgründe für die Wut der Studentenschaft. Viel zu lange wehrten sich Hochschulen und Professoren gegen die Abschaffung des Diploms. Damit versäumten sie, die notwendigen Grundlagen und Umstrukturierungen für das Bachelor/Master-System zu schaffen. Teilweise packten die Hochschulen einfach die Inhalte aus acht Semestern Diplom in die sechs Semester Bachelor. Zu viele Professoren beharrten auf ihre alten Lehrpläne und machten so ihre Studenten zu Versuchskaninchen. Mit dieser "Friss oder stirb"-Methode bietet die deutsche Hochschullandschaft keine Basis für international konkurrenzfähige Absolventen.
Der "Bildungsstreik" ist letztlich die Konsequenz aus diesen Unzumutbarkeiten. In sieben Bundesländern kommen stattliche, abschreckende Studiengebühren hinzu. Es ist ein positives Zeichen politischer Willensbildung, dass die Studenten auf breiter Front gegen das vermurkste Bildungssystem mobil machen. Es müssen endlich einheitliche Studienbedingungen her. In Zeiten, wo europaweite Standards bestehen, kommt Deutschland mit seinem dezentralen Bildungssystem in Teufels Küche. Solange die Hochschulpolitik in Länder- statt Bundeshand ist, spielen einzelne Landespolitiker bei ihren Experimenten mit den Zukunftschancen einer ganzen Generation.
Vergleiche mit den 68ern dagegen sind weit hergeholt. Ging es damals um Widerstand gegen den "Muff unter den Talaren", die Obrigkeit und die alten Strukturen, so geht es heute viel mehr um ein klares, landesweites Bildungssystem und Studienbedingungen, die auch im Bachelor/Master-System Entfaltungsmöglichkeiten, Forschung und Berufsqualifizierung ermöglichen. Oder zumindest ein durchdachtes, gut organisiertes Studium, zu dem alle Bevölkerungsschichten Zugang finden dürfen. Bildung darf nicht zum Luxusgut verkommen.
Der Kommentar erschien am 20. Juni 2009 bei medien-mittweida.de