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100 Tage

Bevor ich am 1. März 2018 „in den Altersruhestand übertrete“, will ich in den letzten 100 Tagen meines – zumindest offiziellen – Arbeitslebens noch einmal auf Höhe- und Tiefpunkte, Siege und Niederlagen, Überraschungen und Enttäuschungen zurückblicken, die ich seit Beginn meiner Ausbildung zum Industriekaufmann am 1. Juli 1969 erleben durfte, manchmal auch musste.

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1973: Irgendwas mit Computern bei der TUI

Augen auf bei der Berufswahl. Dieser Spruch bedeutet, dass man sich schon vor der Bewerbung intensiv mit der angebotenen Position und auch mit dem künftigen Arbeitgeber beschäftigen sollte. Zumindest empfehle ich das heute „meinen“ Masterstudent*innen, die ich im Modul „Personalmanagement“ unterrichte. Allerdings muss ich eingestehen, dass ich vor Antritt meiner Jobs zumeist wenig umsichtig gehandelt habe. Das begann schon bei meinem Einstieg bei dem seinerzeit gerade entstehenden Reisekonzern Touristik Union international, kurz TUI, zu Beginn des Jahres 1974.

In den letzten Monaten meiner Dienstzeit als Schreibstuben-Obergefreiter habe ich die Möglichkeiten voll ausgeschöpft, die mir die Bundeswehr im Allgemeinen und mein „Spieß“ im Besonderen im Hinblick auf die anschließende Berufswahl boten. Ausgestattet mit Gratisfahrkarten der Bundeswehr fuhr ich zu Vorstellungsgesprächen nahezu in ganz (West-) Deutschland. Das war zugleich ein lohnendes „Geschäft“, weil ich in der Regel ohne Nachweis von Belegen Fahrt- und Verpflegungskosten, manchmal sogar Übernachtungskosten pauschal erstattet bekam. Die Zeit war günstig für mich. Vor allem kaufmännische Mitarbeiter wurden händeringend gesucht. Ich hatte mindestens ein halbes Dutzend Zusagen für sehr ordentlich honorierte Anstellungen, unter anderem vom Kaufhof in Köln, einer Handelskette in Frankfurt am Main und einem Versicherungskonzern in München.

TUI-Stellenanzeige aus dem Herbst 1973

Überhaupt erhielt ich nur eine Absage bei einem dieser Bewerbungsgespräche – und zwar vom Chef eines damals großen Bekleidungshauses in Hannover. Ziemlich verärgert über die schroffe Abfuhr – „Ihnen fehlen alle notwendigen Qualifikationen“ – lief ich über das Treppenhaus mehrere Etagen hinunter auf die Straße und wollte dort die Zeitungsannonce, auf die ich mich beworben hatte, gerade in den nächsten Papierkorb werfen. Da fiel mir die Rückseite des Ausrisses auf: TUI sucht Operator und will die Umschulung auch noch finanzieren. TUI? Kannte ich damals nicht. Allerdings waren mir die Namen der genannten Reiseveranstalter Touropa, Scharnow usw. von früheren Urlaubsreisen gemeinsam mit meiner Mutter vertraut.

Reisen – ist doch eine tolle Sache, dachte ich mir, ging zur nächsten Telefonzelle und rief die in der Anzeige genannte Nummer an. Es meldete sich eine nette Dame und nach kurzer Zeit vereinbarten wir, dass ich gleich mal vorbeikomme, wenn ich schon mal in Hannover bin. Etwa eine halbe Stunde später saß ich der ausgesprochen hübschen Mitarbeiterin der TUI-Personalabteilung gegenüber. In dem kurzen Gespräch irritierte mich nur, dass sie fast ausschließlich von Computern sprach – während ich an Reisen dachte. Gut – Computer „kannte“ ich. Während meiner Lehrzeit bei den „Heidemännern“ in Einbeck hatte ich ein halbes Jahr in der EDV-Abteilung mit dem Sortieren von Datenkarten und Kaffeeholen für die selbsternannten Computerspezialisten verbracht. Wie sich jetzt zeigte, war das doch gar nicht so eine verlorene Zeit.

Meine während der Ausbildung erworbenen „Vorkenntnisse“ verhalfen mir zumindest zu einem sofortigen weiteren Gespräch mit dem EDV-Schulungsleiter. Bei ihm musste ich einen damals üblichen Test mit irgendwelchen Strichmännchen, Vierecken und Kreisen absolvieren. Der ist offensichtlich so gut ausgefallen, dass mich der Schulungsleiter gleich zurück zur „Personalerin“ schickte, die meine Daten für den Anstellungsvertrag aufnahm und mir kurze Zeit später das Dokument in zweifacher Ausfertigung in die Hand drückte.

Zurück in meiner Heimstadt Einbeck zeigte ich meinem damaligen Freund „Schmidt“ den Vertrag. Der gab er mir ohne weitere Erklärungen und Diskussionen den eindeutigen Rat: „Unterschreiben!“ Was gab’s da auch schon zu überlegen? Eine bezahlte Ausbildung zum EDV-Operator war damals so etwas wie ein Fünfer mit Zusatzzahl im Lotto. Irgendwas mit Computern zu machen, schien damals der richtige Weg in eine gesicherte – und vor allem sehr ordentlich bezahlte – berufliche Zukunft zu sein. Für mich sollte die Computerausbildung allerdings nur eine Zwischenstation auf dem Weg in den „richtigen“ Tourismus sein.

Im nächsten Teil: Operator – zwischen Lochkarten, Magnetbändern und Alkoholexzessen


1973: Bundeswehrsoldat und kein toller Typ

Meine Lehrzeit hätte im Frühjahr 1972 fast mit einem Fiasko geendet, meine Zeit bei der Bundeswehr fast in einer Katastrophe.

Kurz vor Ende meiner Dienstzeit, Anfang Dezember 1973, musste unsere Einheit, die 1. Batterie des Panzerartilleriebataillons 15, an einer mehrtägigen Übung auf dem Truppenübungsplatz Munster teilnehmen. Also fuhren wir an einem Sonntagmorgen – trotz Sonntagsfahrverbots wegen der so genannten Ölkrise – über ansonsten leere Straßen und Autobahnen von unserem Standort in Stadtoldendorf im Konvoi in die Lüneburger Heide.

Es war bitterkalt in diesen Tagen. Trotzdem sollten wir bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad in Zelten übernachten. Die mit Öl betriebenen Heizungen waren in einem desolaten Zustand. Doch ich hatte zunächst Glück. Als „Schreibstubenhengst“ durfte ich zusammen mit einem Unteroffizier im so genannten „Spieß-Zelt“ übernachten, in dem ansonsten alle Akten unserer Einheit untergebracht waren. „Spieß Willy“ – wie wir unseren Batterie-Hauptfeldwebel nannten – sorgte dafür, dass es seine Akten – und damit auch wir – schön warm hatten. Also schlief ich nach einem langen Tag wohlig auf meiner Pritsche ein. Ich brauchte nicht mal den Schlafsack, so warm war’s in unserem Zelt.

Zum Inferno kam’s dann am frühen Morgen. Spätere Rekonstruktionen der Nacht ergaben, dass es wohl gegen 4 Uhr gewesen sein muss, als unser Zelt in Flammen stand. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich keine Luft mehr bekam, als ich aufwachte und über mir der „Himmel“ lichterloh brannte. Dann muss ich intuitiv aus dem Zelt gerannt – und wohl für mindestens eine Stunde bei klirrender Kälte im Wald herumgeirrt sein, der an den Biwak-Platz angrenzte. Später, im Zelt des Bataillonskommandeurs, erfuhr ich, dass der Unteroffizier ebenso wie ich aus dem brennenden Zelt flüchten konnte und unverletzt blieb. Weil nach diesem Vorfall meine „Einsatzbereitschaft“ nicht mehr „gewährleistet“ war, wurde ich zurück an unseren Standort im niedersächsischen Stadtoldendorf geschickt, wo wir das Munitionslager bewachen mussten, was seinerzeit durchaus nervenaufreibend war.

Tor der ehemaligen Yorck-Kaserne in Stadtoldendorf

In den damaligen Zeiten der Terroranschläge von Bader, Meinhof und Co. bestand – wohl nicht zu Unrecht – die Befürchtung, dass unser Munitionslager, einige Kilometer von der damaligen Yorck-Kaserne entfernt, Ziel eines Überfalls werden könnte. Immerhin sollen hier für Terroristen durchaus „interessante“ Ausrüstungen wie Handfeuerwaffen und Handgranaten gelagert haben. Die Anspannung unter uns Soldaten und vor allem auch bei den Vorgesetzten war spürbar. Während der vierstündigen Wachgänge entlang der Umzäunung des zwischen Wiesen und Wald gelegenen Bundeswehrgeländes hatten wir schon „ganz schönen Schiss in der Hose“. Damals machte die Geschichte in Stadtoldendorf die Runde, dass ein Feldwebel vor lauter Nervosität eine Kuh auf der angrenzenden Weide erschossen haben soll.

Mir selbst hätte das vermutlich nicht passieren können, weil ich wohl überhaupt keinen Schuss aus meinem „G3“-Gewehr abgefeuert bekommen hätte. Aus militärischer Sicht war ich ein völliger Versager. So hatte ich bei einem früheren Aufenthalt auf dem Truppenübungsplatz Munster schon einmal für Aufregung gesorgt, weil ich bei einem Panzerfaust-Scharfschießen das merkwürdige Gerät falsch herum geschultert hatte. Hinter mir lagen Offiziere und Unteroffiziere im Dreck und schrieen um die Wette „nicht schießen!“ Nur der Fürsprache meines Spießes hatte ich es zu verdanken, dass ich für diesen gefährlichen Slapstick damals nicht im Bundeswehr-Knast landete.

„Willy“ hatte allerdings wirklich allen Grund mir dankbar zu sein. Als Schreibstubensoldat hatte ich ihm schon mehrfach den „Arsch gerettet“, weil der notorische Alkoholiker regelmäßig irgendwelche Termine übersehen – oder vermeintlich wichtige Berichte für vorgesetzte Dienststellen vergessen hatte. Seine Versäumnisse habe ich dann zum Teil durch Nacht- und freiwillige Wochenendarbeit ausgeglichen, was mir den Status eines „Unantastbaren“ in unserer Einheit einbrachte. Nach der mit Schikanen übersäten Grundausbildung hatte ich nur noch selten Wach- oder Bereitschaftsdienste und wurde von Vorgesetzten auch nicht schikaniert, obwohl ich nur Gefreiter, später Obergefreiter war.

Meine Bundeswehr-Karriere dauerte insgesamt 21 Monate von April 1972 bis zum Jahresende 1973. Ich hatte mich im Vorhinein als „Soldat auf Zeit“ verpflichtet, was damals mit einigen Vorteilen verbunden war. So konnte ich mir den Standort Stadtoldendorf in Nähe meiner Heimatstadt Einbeck aussuchen und ich erhielt rund achtmal so viel „Sold“ wie meine „eingezogenen“ Kameraden. Dafür wurde ich in der drei Monate dauernden Grundausbildung auch besonders schikaniert: Wenn wir – nur zur Belustigung unseres völlig perversen Zugführers – durch die Stadtoldendorfer Kanalisation krabbeln mussten, wurde ich stets vorgeschickt, um „die Ratten zu verscheuchen“. Bei der „Ausbildung im Feld“ kam regelmäßig der Befehl „Panzerkanonier Müller, Stellung!“ und ich musste mich in schlammige Löcher werfen. Am schlimmsten waren jedoch die Übungen mit der Gasmaske. In einem mit Tränengas befüllten Raum mussten wir bei abgesetzter Gasmaske unser „G3“ auseinandernehmen. Wegen meiner handwerklichen Unbegabtheit endeten diese Übungen stets in Tränenausbrüchen, die auch noch von „Anschissen“ eines Unteroffizier begleitet wurden, der den geistigen Horizont einer Portion Pommes mit Ketchup besaß.

Diese besondere Behandlung während der Grundausbildung hatte ich meiner „großen Klappe“ zu verdanken. Ich tat regelmäßig das, was seinerzeit in der Bundeswehr ein absolutes Tabu war: ich gab Widerworte bei aus meiner Sicht unsinnigen Befehlen, stellte unbequeme Fragen in theoretischen Ausbildungsveranstaltungen und machte mit meiner Haltung stets deutlich, dass ich die meisten Vorgesetzten für Trottel hielt. Noch heute bin ich ein wenig stolz darauf, dass ich mich in dieser Zeit trotz der – im wahrsten Sinne des Wortes – spürbaren Nachteile, nicht verbiegen ließ, auch wenn ich als Bundeswehrsoldat kein „toller Typ“ war, so wie ihn Mike Krüger Jahre später ironisch besang.


1972: Ein „Nazilehrer“ und keine Note

Ich hatte ja bereits in meinem vorigen 100 Tage-Eintrag angemerkt, dass das Ende meiner „Leerzeit“ im Frühjahr 1972 fast noch mit einem Fiasko bei der mündlichen Kaufmannsgehilfenprüfung geendet hätte. Und das kam so:

Unser Sozialkundelehrer, mit dem ich mich schon in der kaufmännischen Berufsschule wiederholt angelegt hatte, weil er unverhohlen das „Dritte Reich“ im Unterricht lobte (was damals an Schulen durchaus häufiger vorkam), stellte mir in der Prüfung sinngemäß diese Frage: „Die Bundesrepublik ist ja eine Demokratie. Was ist denn die so genannte DDR?“. Mir war selbstverständlich klar, was der Mann von mir hören wollte, nämlich, dass die „so genannte DDR“ eine Diktatur sei. Ich schaltete aber auf stur und antwortete sinngemäß: „Das weiß ich nicht. Ich war noch nie in der DDR“.

Es folgte eine – gefühlte – minutenlange Stille im Prüfungsraum. Meine Mit-Prüflinge sahen betreten nach unten. Dann fingen die Herren der Prüfungskommission an miteinander zu tuscheln (Damen war damals in solchen Gremien eher die Ausnahme). Schließlich wies der Vorsitzende mich und die anderen Prüfungsteilnehmer in strengem Ton an, den Raum zu verlassen: „Warten Sie draußen!“

Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis mein Klassenlehrer aus der Berufsschule die Tür öffnete und mir (sinngemäß) zuflüsterte „das wäre beinahe schlecht für dich ausgegangen.“  Ich wurde aufgefordert, allein in den Raum zurückzukehren. Trat dann (wohl) ziemlich selbstbewusst vor die Kommission und wurde von dem Vorsitzenden minutenlang „zur Schnecke gemacht“. Das verbale Stakkato endete schließlich mit der „Urteilsverkündung“ (sinngemäß): „Sie erhalten den Kaufmannsgehilfenbrief ohne Note.“ Er ergänzte noch, dass ich diese „großzügige Entscheidung“ dem großen Zuspruch meins Klassenlehrers zu verdanken habe.

Der Marktplatz in Einbeck mit Rathaus und Eulenspiegel-Brunnen | eigene Aufnahme aus 2017

„Ohne Note“ war mit „ausreichend“ gleichzusetzen, wobei meine durchaus ordentlichen Leistungen in der Berufsschule und die sogar guten Ergebnisse in der schriftlichen Prüfung am Ende einfach nicht berücksichtigt wurden. Mein mir wohlgesonnener Klassenlehrer erzählte mir Jahre später, als ich ihn zufällig in Einbeck auf dem Marktplatz traf, dass die Herren der Prüfungskommission mir  den „Kaufmannsgehilfenbrief“ sogar ganz verweigern wollten – „wegen fehlender Reife“. Mit anderen Worten: weil ich nicht auf die dumme Frage eines bekennenden „Nazilehrers“ eingegangen war, wurde ich mit einer schlechten Note abgestraft.

So ein schlechtes Ausbildungsergebnis hätte heutzutage vermutlich negative Auswirkungen auf die berufliche Zukunft des Prüflings. Zum Glück wurde ich bei meinen nächsten beruflichen Stationen niemals auf die fehlende Note im Abschlusszeugnis für meine Lehre angesprochen;  auch nicht beim Panzerartelleriebataillon 15 im niedersächsischen Stadtoldendorf. Im April 1974 wurde ich Bundeswehrsoldat – aber nicht unbedingt ein „toller Typ“.


1969: Lehre und Leere

Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Drei Wochen zuvor, am 1. Juli, hatte ich bereits zum ersten Mal die Heidemann-Werke in meiner südniedersächsischen Heimatstadt Einbeck betreten.

Seinerzeit war das noch eine Kreisstadt mit dem Autokennzeichen EIN und zugleich eine der reichsten Gemeinden in ganz Deutschland. Unter den etwa 18.000 Einwohnern soll es damals schon 50 Millionäre gegeben haben. Die meisten von ihnen residierten an einem Hang oberhalb des „Stadions an der Schützenstraße“. Die Gegend wurde von Einbeckern wegen der für damalige Verhältnisse üppigen Villen „Protzenhausen“ genannt.

Sommerurlaub 1969 am Bodensee und in Vorarlberg

Der in Einbeck verbreitete Reichtum resultierte nicht zuletzt aus einem Dutzend größerer Unternehmen, die bis zu 2.000 Mitarbeiter beschäftigten, darunter eine Teppichfabrik und ein Tonmöbelhersteller. Weil Teppiche in Deutschland nicht mehr gewebt – und hölzerne Verkleidungen für Samsung-Flachbildschirme oder Apples iPhones nicht benötigt werden, sind diese und andere große Unternehmen aus Einbeck längst verschwunden. Auch mein Lehrbetrieb, die eingangs genannten Heidemann-Werke, gibt es nicht mehr. Damals, als ich meine Ausbildung zum Industriekaufmann begann, war das Unternehmen noch Deutschlands größter Fahrradhersteller. Außerdem wurden hier verschiedene Autoteile in galvanischen Bädern „veredelt“. Ich kann mich noch an große stinkende „Badewannen“ erinnern, in die Männer in Gummianzügen und mit Atemschutz ausgestattet Auspuff-Endrohre tauchten.

Die Fahrradfabrik gehörte seinerzeit nicht zur ersten Wahl für Schulabgänger, weil die „Ausbildungsbeihilfe“ im Vergleich zur Teppichfabrik und anderen Firmen eher bescheiden war und die Lehre keinen guten Ruf hatte. Ich hatte mich dort auch nur beworben, weil ich ein „mittelprächtiger“ Schüler war, zumindest was meine Zeugnisse anbelangte. Außerdem konnte ich von Heidemann in der Mittagspause nach Hause gehen und auf den Kauf von Fahrrädern wurden großzügige Mitarbeiterrabatte in Aussicht gestellt.

Wie ich in den folgenden 33 Monaten meiner Lehrzeit dann selbst feststellen musste, war der schlechte Ruf wohl nicht unbegründet. Wir kaufmännischen Lehrlinge waren bei den „Heidemännern“ vor allem HiWis, die die Mitarbeiter der Abteilungen mit Kaffee, Mettbrötchen oder „Wienern“ aus der Kantine zu versorgen – und ansonsten die Klappe zu halten hatten. Gern wurden die „Stifte“ auch schon mal als Blitzableiter für Frust oder schlechte Launen hergenommen. Mein erster Abteilungsgleiter war damals Mitte Vierzig, sah aus wie Ende Sechzig, vermutlich weil er täglich drei Päckchen filterlose „Senussi“ mit zitternden Fingern qualmte. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein nettes Wort von diesem völlig empathielosen Menschen wahrgenommen zu haben.

Die Firma zahlte „Ausbildungsbeihilfe“ und ich „Lehrgeld“

Nein, an meine Lehrzeit habe ich kaum gute Erinnerungen. Wenn ich die erste Periode in meinem Berufsleben mit späteren Stationen vergleiche, war das eher eine „Leerzeit“, die im Frühjahr 1972 fast noch mit einem Fiasko bei der mündlichen Kaufmannsgehilfenprüfung geendet hätte [dazu gibt’s mehr im nächsten Eintrag].

Wer nun glaubt, dass ich während meiner Lehrzeit ein völlig unglückliches „Kerlchen“ gewesen sei, täuscht sich dennoch gewaltig. Damals konnte ich Berufs- und Privatleben noch sehr gut trennen – eine tolle Eigenschaft, die mir später leider abhanden kam. Außerdem hatte ich einen Nebenjob als Diskjockey im „Oldtimer“ in Ammensen, einem „Dörfchen“ rund 12 Kilometer nördlich von Einbeck. Die „Plattenlegerei“ an den Wochenenden brachte mir nicht nur finanziell das Doppelte meiner „Ausbildungsbeihilfe“ ein, sondern auch eine Menge Anerkennung bei den Mädels. Und mal ehrlich – was ist wichtiger für einen 18jährigen?


2002: Als „Playboy“ in Mittweida

Januar 2002 | Meinen ersten „Auftritt“ an der Hochschule Mittweida hatte ich am 23. Januar 2002. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Akademischer Dialog“ durfte ich als damaliger Verlagsleiter des deutschen „Playboy“ eine Stunde lang über alles das berichten, ‚was Männern Spaß‘ macht.

Zumindest wurde mir ein wissenschaftlich korrekter Titel für meinen Vortrag vorgegeben: „Marktauftritt und Marktpositionierung der Publikumszeitschrift ‚Playboy‘ im digitalen Zeitalter.“ Das war gar nicht mal so eine leichte Aufgabe. Immerhin hatte sich mein damaliger Chef, Heinz Bauer, Eigentümer des Verlagsimperiums „Heinrich Bauer Verlag“ (heute „Bauer Media“) vehement dem Internet verweigert. Das war auch der eigentliche Grund dafür, dass ‚Bauer‘ Ende 2002 die deutsche Playboy-Lizenz an ‚Burda‘ verlor (mehr dazu folgt in einem späteren Eintrag).

Zurück nach Mittweida und meiner ersten „Gastvorlesung“: Kontakt zum damaligen Fachbereich Medien hatte ich über den – im November 2016 viel zu früh verstorbenen – Professor Otto Altendorfer bekommen, mit dem mich meine Frau Inge bei den Münchner Medientagen im Oktober 2001 bekannt machte: „Sie, kommen’s doch mal nach Mittweida zu ’na Gastvorlesung“. Warum nicht. Beruflich hatte ich seinerzeit schon eine Menge erlebt und erreicht. Eine Vorlesung an der „Uni“ wäre nochmal eine neue Herausforderung, so meine Überlegung damals. Rund drei Monate später stand ich dann in einem der beiden größten Hörsäle im Haus 5 auf dem Campus. Der war zu meiner Freude auch bis zum letzten Platz besetzt; was – wie ich später erfahren sollte, ein seltenes Erfolgserlebnis für einen „Prof“ an der Hochschule Mittweida war – und ist. Was ich den Student*innen seinerzeit tatsächlich über den „Playboy“ und mich erzählte, weiß ich kaum noch. Die mit großer Mühe vorbereitete Präsentation habe ich später bei einem „Crash“ einer Computerfestplatte verloren.

Erinnern kann ich mich allerdings noch gut daran, dass ich nach der abendlichen Veranstaltung noch mit Professor Altendorfer und dem damaligen Dekan des Fachbereichs Medien, Professor Ludwig Hilmer, im „Pilspub“ an der Zimmerstraße zusammensaß. Nach einem halben Dutzend Schoppen Wein traf ich – mit vermutlich lallender Stimme – eine Aussage, die beträchtliche Auswirkungen auf mein weiteres Leben haben sollte: „Wenn Sie hier mal so einen Job als Professor haben, mache ich das sofort“. Ein Jahr später rief mich Otto Altendorfer tatsächlich in München beim Bauer Verlag an: „Jetzt wird bei uns ‚was frei“.


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