Tageszeitungen: We’re out!

24. Juni 2016 | aus blogmedien | Auf den Brexit könnte bald der Prexit folgen, längst nicht nur in Großbritannien. Derweil profitieren Facebook & Co. von Fehlern der Medienkonzerne.

Prexit-Klein-1024x402

Zur Ver­kün­dung des Brexit haben sich die gro­ßen Lon­do­ner Bou­le­vard­zei­tun­gen noch ein­mal so rich­tig ins Zeug gelegt. In Extra-Ausgaben, die bald nach Bekannt­gabe des mehr­heit­li­chen Votums der Bri­ten gegen einen Ver­bleib in der EU am Frei­tag­mor­gen an den News­stands aus­la­gen, spot­tete Rupert Mur­dochs ‘Sun’ “See EU later!”, wäh­rend ‘Daily Mail’ und ‘Daily Mir­ror’ gleich­lau­tend “We’re out” titel­ten — womög­lich auch in eige­ner Sache: Wäh­rend die Bri­ten dem­nächst die Euro­päi­sche Union ver­las­sen wer­den, könn­ten bald auch Tages­zei­tun­gen aus dem Medi­en­mix verschwinden.

B-11-09-16-Kalter-Kaffee

In den USA lie­gen viele Tages­zei­tun­gen schon seit Jah­ren im wahrs­ten Sinne des Wor­tes am Boden | Bild: Inge Seibel

Den ver­meint­li­chen “Prexit” hatten einflussreiche Medienmanager wie der New York Times-Herausgeber Arthur Sulz­ber­ger Jr. schon vor Jah­ren pro­phe­zeit: “Wir wer­den irgend­wann in der Zukunft auf­hö­ren, die ‘New York Times’ zu dru­cken”, sagte er schon im Jahr 2010 dem ‘Edi­tors­we­b­log’. Aller­dings wollte sich Sulz­ber­ger damals noch auf kei­nen Zeit­punkt fest­le­gen las­sen. Inzwi­schen nimmt die Ent­wick­lung aller­dings immer mehr Dyna­mik an — oder anders aus­ge­drückt: Medi­en­nut­zer grei­fen immer sel­te­ner zur Zei­tung, um sich zu infor­mie­ren. Die Schluss­fol­ge­rung ist genauso sim­pel wie zutref­fend: Wenn ein Medium nicht mehr genutzt wird, fin­det es auch keine Käu­fer und — was wirt­schaft­lich noch schwe­rer wiegt — auch keine Anzei­gen­kun­den mehr.

soziale-TZ-4

In Deutsch­land haben in die­sem Früh­jahr erst­mals Soziale Medien die Tages­zei­tun­gen als bevor­zugte Infor­ma­ti­ons­quelle über­holt. Das geht zumin­dest aus dem  “Digi­tal News Report 2016″ des Reu­ters Insti­tute for the Study of Jour­na­lism an der Uni­ver­si­tät Oxford her­vor, für den ins­ge­samt rund 50.000 Pro­ban­den in 26 Län­dern befragt wur­den, dar­un­ter auch mehr als 2.000 in Deutsch­land. Ver­lage hier­zu­lande kön­nen dabei nicht ein­mal auf beson­dere  Stei­ge­rungs­ra­ten der eige­nen Online­an­ge­bote ver­wei­sen, weil sich ihre “Kund­schaft” häu­fi­ger und län­ger bei Face­book oder Snap­chat — und sel­te­ner bei Bild.de oder Spie­gel Online mit aktu­el­len Infor­ma­tio­nen ver­sorgt. Die deut­schen “Online­ma­ga­zine” lie­gen mit einem Anteil von 25 Pro­zent deut­lich hin­ter den Sozia­len Medien als bevor­zugte Nachrichtenquellen.

FB-Tagesschau-1024x556

ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke findet für jeden Blödsinn eine Erklärung | Bild: Mon­tage mit Bild­ma­te­rial von Face­book und Tagesschau.de

Als Face­book vor Jah­res­frist inter­na­tio­na­len Medi­en­häusern die Zusam­men­ar­beit in Form von “Instant Arti­cles” anbot, lie­ßen sich ‘New York Times’, ‘BBC’, ‘Bild’ oder ‘Spie­gel’ gar nicht erst lange bit­ten und stell­ten bereit­wil­lig hoch­wer­tige Inhalte dem Mark Zuckerberg-Imperium zur Ver­fü­gung. Seit November des vergangenen Jahres beteiligt sich auch die Tagesschau mit beitragsfinanziertem Content. “Es ist der Anspruch der Tages­schau, Nach­rich­ten über­all dort anzu­bie­ten, wo Men­schen nach Infor­ma­tio­nen suchen. Des­halb machen wir beim Test­lauf von Face­book Instant Arti­cles gern mit”, begrün­dete sei­ner­zeit ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke die­sen Blöd­sinn. Die Bei­trags­zah­ler wur­den vor Beginn des “Test­laufs” aller­dings nicht gefragt, ob sie damit ein­ver­stan­den sind, dass sich der von ihnen finan­zierte öffentlich-rechtliche Rund­funk bedin­gungs­los den “Spiel­re­geln” unter­wirft, die Face­book ein­sei­tig vor­gibt. So kön­nen bei­spiels­weise Inhalte gelöscht oder ganze Nut­zer­kon­ten ein­fach gesperrt wer­den — “wit­hout notice”.

Mark Zucker­berg bei sei­ner Keynote zur Eröff­nung der FB 2016 im April | Bild: Facebook

Mark Zucker­berg bei sei­ner Keynote zur Eröff­nung der FB 2016 im April | Bild: Facebook

Tagesschau-Chef Gniffke und andere hilf­lose Medi­en­ma­na­ger tra­gen damit auch dazu bei, dass Face­book längst “dicke Kasse” macht. Im Jahr 2015 lag der Umsatz des Unter­neh­mens aus dem kali­for­ni­schen Menlo Park bei knapp 18 Mrd. US-Dollar, wovon rund 90 Pro­zent aus Wer­be­ein­nah­men stam­men. Damit machte Mark Zucker­bergs Netz­werk zehn mal so viel Umsatz wie die gesamte deut­sche Onli­ne­wer­bung ein­schließ­lich mobi­ler Ange­bote zusam­men. Von Face­books üppi­gen Gewin­nen kann man hier­zu­lande ohne­hin nur träu­men — die lagen im letz­ten Jahr bei 3,7 Mrd. US-Dollar.

Snap­chat “A new Gangs­ter in Town” | Bild: Screen­shot aus “Snap­chat Mur­ders Face­book”, Casey Neistat bei YouTube

Snap­chat “A new Gangs­ter in Town” | Bild: Screen­shot aus “Snap­chat Mur­ders Face­book”, Casey Neistat bei YouTube

Wäh­rend Face­book seine Part­ner mit der vagen Aus­sicht auf Betei­li­gun­gen an Wer­be­er­lö­sen irgend­wie bei Laune hält, zeigt Snap­chat wie Abzo­cke bei ahnungs­lo­sen Medi­en­ma­na­gern so rich­tig “funk­tio­niert”. Der vor allem bei jun­gen Nut­zern immer belieb­ter wer­dende Messenger-Dienst, der sich gerade zum neuen Multimedia-Imperium im Netz mau­sert, lässt eta­blierte Medi­en­an­bie­ter wie bei­spiels­weise ‘CNN’, ‘Daily Mail’ oder auch ‘Buzz Feed’ über­haupt nur auf die Platt­form, wenn diese kräf­tig dafür bezah­len. CNN soll dafür angeb­lich jede Woche 200.000 Dol­lar locker­ma­chen und lie­fert dazu auch gleich noch hoch­wer­tig pro­du­zier­ten Con­tent wie bei­spiels­weise nach dem furcht­ba­ren Mas­sa­ker in Orlando vor zwei Wochen. Die Begrün­dung für sol­chen Auf­wand ähnelt in den meis­ten Fäl­len der von Tagesschau-Chef Kai Gniffke: Über Snap­chat sol­len junge Nut­zer erreicht wer­den. Wie die aller­dings von dort zu den News­por­ta­len von CNN, Tages­schau und ande­ren gelockt wer­den kön­nen, weiß offen­sicht­lich nie­mand so recht. Tages­zei­tun­gen schei­nen in den stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen der Medi­en­kon­zerne ohne­hin kaum noch eine Rolle zu spie­len (dazu dem­nächst mehr).

Hin­ter­las­sene Zei­tun­gen in einem Wagen der Lon­do­ner Under­ground | Bild: Wikipedia/Free Public

Hin­ter­las­sene Zei­tun­gen in einem Wagen der Lon­do­ner Under­ground | Bild: Wikipedia/Free Public

Zurück zu den Bou­le­vard­blät­tern in Lon­don: Ich bin mir inzwi­schen nicht mehr sicher, ob ‘Daily Mail’, ‘Daily Mir­ror’ und auch die ‘Sun’ noch gedruckte Son­der­aus­ga­ben zum nächs­ten Refe­ren­dum auf der bri­ti­schen Insel ver­öf­fent­li­chen wer­den. Dann näm­lich, wenn die Schot­ten sich mehr­heit­lich dafür ent­schei­den, dass sie Groß­bri­tan­nien ver­las­sen — und der EU wieder bei­tre­ten wollen. Exper­ten erwar­ten ein sol­ches Votum in etwa fünf Jahren.